Professor Arne Astrup beim Vortrag "Das Mikrobiom verstehen"

Nachbericht "Das Mikrobiom verstehen"

Das war unsere Großveranstaltung mit Prof. Astrup

Im Wiener Billrothhaus präsentierte der renommierte dänische Forscher Prof. Arne Astrup aktuelle Studienergebnisse und sprach über die Zukunft der Mikrobiom-Forschung. Rund 300 Gäste verfolgten den interessanten Abend.

Wichtige Entscheidungen treffen wir aus dem Bauch heraus, denn wir „vertrauen“ unserem Bauchgefühl. Magen und Darm gelten nicht nur deshalb als unser zweites Gehirn. Die Fachwelt bezeichnet dies als Darm-Hirn-Achse, deren Kommunikationsmechanismen bereits beschrieben wurden. Neu in dieser Interaktionskette ist das Mikrobiom. Denn die Darmflora hat deutlich wichtigere Einflüsse auf die metabolische Gesundheit als bisher angenommen. Heute spricht man deshalb von der „Mikrobiom-Darm-Hirn-Achse“ als Signalweg zwischen den peripheren intestinalen Funktionseinheiten und verschiedenen Zentren des Gehirns, wie beispielsweise jenen, die für das Gefühl von Hunger und Sättigung zuständig sind. Brandaktuelle News zu dieser Thematik lieferte Prof. Arne Astrup im Rahmen der Vortragsreihe „Wissen schafft Gesundheit“ der Biogena Akademie. Er referierte am 16. März im Wiener Billrothhaus vor rund 300 Teilnehmern. Zu Gast waren außerdem vier weitere Fachexperten: Dr. Michael Tvede, Prof. Dr. Med. Jörg Spitz, Dr. med. univ. Harald Stossier und Dr. med. Ralf Kirkamm lieferten in der anschließenden Podiumsdiskussion interessante Beiträge zum Thema.

Als Leiter des Departments für Ernährung, Bewegung und Sport erforscht Astrup an der Universität Kopenhagen primär die Auswirkungen verschiedener Diätformen auf den Erfolg des Abnehmens bei Übergewichtigen und Diabetikern. Gleich zu Beginn seines Vortrages stellte er fest, dass es keine „beste Ernährungsform“ gibt und kritisierte gleichzeitig vorherrschende Pauschalisierungen im Bereich der Ernährungsmedizin. Die Realität ist nämlich weitaus komplexer.

Ernährung im Fokus der Forschung
In der Vergangenheit verglich Prof. Astrup verschiedenste Ernährungsformen und evaluierte deren Nutzen für den Gewichtsverlust. Besonderen Fokus legte er auf die sogenannte „New Nordic Diet“, eine modifizierte Form der mediterranen Diät, welche etwa Olivenöl durch Canola- bzw. Rapsöl ersetzte und sich generell an regional verfügbaren Nahrungsmitteln skandinavischer Länder orientierte. Die Probanden wurden in unterschiedliche Interventionsgruppen eingeteilt und erhielten entweder eine hypokalorische kohlenhydratreiche/fettarme oder eine kohlenhydratreduzierte/fettreiche Ernährung. Das Ergebnis: beide Gruppen konnten Gewichtsverluste verzeichnen, signifikante Unterschiede zwischen den zwei Diätformen blieben jedoch aus. Wurden für die Auswertung die Probanden jedoch nach der Höhe ihres Nüchternblutzuckerspiegels eingeteilt, zeigte sich schnell, dass die Höhe der Kohlenhydratzufuhr durchaus einen relevanten Einfluss auf den Gewichtsverlust hatte. Menschen mit Prädiabetes und Diabetes konnten durch eine kohlenhydratreduzierte Ernährungsform starke Abnehmerfolge erzielen, während Übergewichtige mit normalen Blutzuckerwerten sogar an Gewicht zunahmen – und das trotz hypokalorischer Diät. Wie kann dieser Umstand erklärt werden?

Mikroorganismen als Schlüssel zur Gewichtsreduktion
An dieser Stelle kommt das Mikrobiom ins Spiel. Teilt man das bakterielle Ökosystem der Darmflora des Menschen nach sogenannten Enterotypen auf, treten besonders Bakterien der Stämme Bacteroides, Prevotella und Ruminococcus in den Mittelpunkt, wobei Bacteroides und Prevotella besondere Relevanz im Rahmen der metabolischen Gesundheit zu haben scheinen. Eine Dominanz von Bacteroides kann vor allem in Folge einer typisch westlichen Ernährung verzeichnet werden, Prevotella ist primär bei Menschen zu finden, die eine ballaststoffreiche Kost favorisieren.

Erst kürzlich publizierte Prof. Astrup im International Journal of Obesity seine Forschungsergebnisse in Bezug auf diese zwei Enterotypen und deren Rolle bei der Gewichtsabnahme. Er zeigte, dass das Verhältnis von Prevotella zu Bacteroides Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Intervention bei Menschen mit Übergewicht ist. Je höher das Verhältnis von Prevotella zu Bacteroides, desto stärker wirkt sich eine ballaststoffreiche New Nordic Diet auf den Verlust der Fettmasse aus. Überwiegen hingegen Bakterien des Bacteroides-Stammes, können gezielte Interventionen - trotz Kaloriendefizit - erfolglos sein, was Prof. Astrup in seiner Studie zeigen konnte. Ein chinesisches Forscherteam untersuchte den dahinterstehenden Mechanismus und zeigte, dass aufgenommene Ballaststoffe von Prevotella und Bacteroides unterschiedlich fermentiert und metabolisiert werden. Prevotella produziert eine um den Faktor 3 höhere Menge an Propionat im Vergleich zu Bacteroides und zeigte zudem eine insgesamt höhere Produktion der kurzkettigen Fettsäuren Acetat, Propionat und Butyrat. Dies lässt auf eine effektivere Ballaststoffnutzung von Prevotella schließen, was mit früheren Forschungsergebnissen d’accord geht.

Den kompletten Vortrag können Sie hier ansehen: